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Attraktiv für „Smart Worker“
 
Die integrierte Stadterneuerung einer Kleinstadt

Hamburg, 15. März 2021. Die Idee war goldrichtig! - Gelegentlich kommt Matthias dieser Gedanke, wenn er an das Jahr 2020 zurückdenkt. Während der Corona-Pandemie hatten die Fraktionsvorsitzenden der Gemeindevertretung und er als Bürgermeister die Weichen gestellt, um den Ort am See für Rück- und Zuzüge der nach 1980 geborenen Generationen attraktiver zu machen. Seitdem hat sich die Kleinstadt in peripherer Lage erneuert.

Erkennbar ist dies eine fiktive Geschichte, die einige Jahre vorausgreift. Aber sie hat einen wahren Kern. Denn das Virus veränderte ab März 2020 mittelbar auch die Rahmenbedingungen, unter denen sich deutsche Städte und Gemeinden entwickeln. Im Wettbewerb um Bewohner und Gäste, Arbeitskräfte und Investoren wurden die Karten neu verteilt.

Ursache war die rasante Digitalisierung von Bürotätigkeiten ab Beginn der Pandemie. Seitdem finden Arbeitnehmer für ihre Arbeit benötigte Daten und Informationen ortsunabhängig in der Cloud des Internets. Dort legen sie auch die Arbeitsergebnisse ab. Und durch neuartige Technologien wie „Zoom“ kommunizieren sie in Videokonferenzen online mit Kollegen, Kunden und Lieferanten.

Zwar behielten die Firmen ihren Sitz in den Metropolen. Aber mit Investitionen in Hard- und Software ermöglichten sie vielen Mitarbeitern eine ortsunabhängige Tätigkeit. Homeoffice und „Smart Working“ machten für etwa die Hälfte der Erwerbstätigen tägliche Wege ins Unternehmen überflüssig. Die Menschen begannen ihre Lebenssituation individueller zu optimieren, da Pendeldistanzen an Bedeutung für die Wahl von Wohnort und Wohnung verloren. Arbeitgeber standen dem offen gegenüber, um „mit dem Besten aus zwei Welten“ Talente, Fach- und Führungskräfte zu gewinnen und zu halten.

In unserer fiktiven Geschichte wollte Matthias diese Entwicklungen für den Ort am See nutzen. In den Jahren vor 2020 hatte er mit Sorge beobachtet, dass junge Erwachsene die peripher gelegene Kleinstadt in Richtung der Metropolen verließen: „Dort gibt es einfach mehr und vor allem bessere Jobs. Tendenz steigend.“ Die Zurückbleibenden fragten sich dagegen immer drängender: „Lassen sich Erwerbs- und Versorgungsstrukturen, Wohlstand und Lebensqualität erhalten? Ist einer weiter alternden und multimorbiden Bevölkerung zukünftig ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinde möglich?“

Matthias brachte dies alles zur Sprache, als er sich im Herbst 2020 mit den Fraktionsvorsitzenden für einen Gedankenaustausch zu Stadtplanung und -entwicklung traf. Bald herrschte in der Runde Einigkeit, dass der Ort am See mehr Rück- und Zuzüge aus den nach 1980 geborenen Generationen brauche. Dafür bestünden durch die Digitalisierung reale Chancen. In der Presse sei bereits von peripheren „Zoom-Orten“ zu lesen, deren Einwohnerzahlen durch „Smart Worker“ stiegen. Offenbar bestand bei den Menschen Interesse, neu gewonnene Freiheiten zu nutzen. Also ein guter Zeitpunkt, die bisherige Stadtentwicklung zu überdenken.

Die Diskussion ergab aber auch, dass es mit dem Ausweis von Baugebieten zukünftig nicht mehr getan sein würde. Der Ort am See müsse „an vielen Schrauben gleichzeitig drehen.“ Neben die Erfüllung von Pflichtaufgaben der Bauleitplanung solle eine Art zielorientiertes Innovationsmanagement für eine integrierte Stadterneuerung treten. Entsprechend beschlossen Bürgermeister und Fraktionsvorsitzende sich regelmäßig zu treffen. Als Lenkungsgruppe wollten sie Konzepte anstoßen, Kontakte zu Verwaltung und externen Fachleuten halten, Vorlagen für die Gemeindevertreter erstellen sowie Entwicklungen kritisch hinterfragen.

Seinen Durchbruch schaffte das Innovationsprojekt, als die Runde in den folgenden Wochen das Thema aus Sicht von rück- und zuzugsinteressierten „Smart Workern“ beleuchtete. Was musste der Ort am See unternehmen, um zumindest deren Aufmerksamkeit und Interesse zu finden? Und wie wären Entscheidungen positiv zu beeinflussen und nachhaltig zu realisieren?

Die in den Metropolen durch steigende Mieten, beengte Wohnverhältnisse, Komplexität und Anonymität bestehende „Stadtmüdigkeit“ fördere bei Teilen der Bevölkerung den Wunsch nach einem neuen Lebensumfeld. Für einen Rück- oder Zuzug im Ort am See sei dies aber nicht hinreichend, meinte Lana, die jüngste in der Runde. Rund 90 Prozent der Fläche Deutschlands sei mit lockerer Wohnbebauung, geringer Siedlungsdichte, Land- und Forstwirtschaft ähnlich ländlich geprägt wie ihre Kleinstadt. Auch würden Metropolen, Städte und Gemeinden in den Speckgürteln natürlich auf ein durch Homeoffice und „Smart Working“ verändertes Nachfrageverhalten reagieren.

Lana schlug daher vor, die Stadterneuerung solle sich an den Zielen Wohlstand und Lebensqualität orientieren, diese Nutzenangebote optimieren sowie erlebbar machen. Neben passendem Immobilienangebot seien schnelles Internet, leistungsfähiger Mobilfunk, Betreuungs- und Bildungsangebote für Kinder sowie die Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs, Gesundheits- und anderen Dienstleistungen quasi Basisfaktoren, damit die Kleinstadt bei „Smart Workern“ überhaupt als Wohn- und Arbeitsort in Betracht komme. Denn nur so könnten diese arbeitsfähig bleiben, Einkommen und Wohlstand erzielen.

In der Runde schien dies plausibel, zumal der Ort am See nie den Anschluss an die allgemeine Entwicklung verloren hatte. Längere Diskussionen kreisten dagegen um die Frage der Lebensqualität. Die Kleinstadt habe aufgrund von Landschaft sowie Sport- und Freizeitangebot doch schon einiges zu bieten. Aber insbesondere Lana erschien dies nicht genug. „Wer ohne zwingenden Grund seinen Wohnsitz verlagert, der fragt sich: Ist das die Gemeinde, in der ich den Rest meines Lebens verbringen möchte? Fühle ich mich hier immer wohl, geht es mir in jeder Beziehung gut?“

Einige Alteingesessene hatten sich diese Fragen noch nie ernsthaft gestellt. Doch auch dadurch wurde deutlich, dass Lebensqualität entscheidend mit den Menschen vor Ort, mit Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten, mit Vertrauen und Geborgenheit zusammenhängt. Für Matthias zunächst überraschend, standen dann plötzlich Begriffe wie „Identität“ und „Heimat“ im Raum. Am Ende war sich die Runde einig: Ähnlich einem guten Freund solle der Ort am See eine Persönlichkeit entwickeln, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Einklang bringe. Insbesondere müsse das historische Stadtzentrum neu interpretiert werden. Durch Wohnen und Arbeiten, Dienstleistungen und Freizeitangebote solle es wieder zum Herz werden und Erlebnispotenziale bieten.

Diese Entscheidungen erleichterten in den Folgejahren viele Einzelaktivitäten: Noch während der Pandemie konnte das Fitnessstudio einen Teil seiner Trainingsangebote in die meist ausgestorbene Fußgängerzone verlagern. In der ehemaligen Bankfiliale gegenüber vom Rathaus entstand ein Coworking-Space mit angeschlossenem Bistro, im leerstehenden Ladengeschäft nebenan eröffnete eine private Kita. Ein revolvierender Stadtentwicklungsfonds übernahm den Umbau dieser und anderer Schlüsselimmobilien zu „Green Buildings“. Immobilienbörse und Mentoren erleichterten Zuzugsinteressierten und Investoren die Orientierung. Fast nebenbei wurde ein großer Parkplatz zum urbanen Park. Und generationsübergreifend ist sich die Bevölkerungsmehrheit im Ort am See inzwischen einig: Die Entwicklung seit 2020 war goldrichtig!


Hintergrund:
Vorstehende Ideen einer integrierten Stadterneuerung entwickelte Jürgen M. Boedecker ursprünglich für die vom Deutschen Städte- und Gemeindebund unterstützte Zeitschrift KOMMUNAL, die sie leicht verändert in ihrer Ausgabe 03/2021 sowie im Internet veröffentlichte (http://www.kommunal.de/Kleinstadt-verwaltung-zukunft).

Jürgen M. Boedecker ist Senior von Boedecker.Colleagues Strategie und Kommunikation und darauf spezialisiert, Strategien zu entwickeln und zu implementieren. Auf Basis langjähriger Erfahrungen in Veränderungssituationen entwickelt und realisiert er auch Kommunikationskonzepte für Städte und Gemeinden.

Kontakt:
Telefon 040 - 37 50 30 13
E-Mail kommunal(at)boedeckercolleagues.de